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Und hinter jedem Narr steckt der Sensenmann

„Narren, Clowns und Harlekine" in der Regio-Galerie

Badische Zeitung am 1992-09-02
AutorIn: Roswitha Frey / Bilder: Frey

Die Narren schwingen derzeit das Zepter. Doch die Narren, die sich bei einer Ausstellung in der Grenzacher Regio-Galerie die Tarnkappe und das Till-Eulenspiegel-Kostüm überstülpen, haben so gar nichts mit der herkömmlichen Fasnacht gemein. Die Narren, Clowns und Harlekine in den Lithographien von A. Paul Weber und in den farbigen Ölbildern von Ge Gessler halten uns einen Spiegel vor, entlarven und demaskieren die Welt des schönen Scheins und der Illusion, sind mehr traurig als heiter und entsenden die eindringliche Botschaft, Man muß schon ein Narr sein, um die Schlechtigkeit der Welt zu ertragen.

Für den großen, bedeutenden Karikaturisten und Zeichner A. Paul Weber (1893 bis 1980), langjähriger Illustrator der satirischen Zeitschrift „Simplizissimus" und engagierter Widerständler gegen den Faschismus und das Dritte Reich, ist der Narr eine Metapher für den gutgläubigen Menschen, Täter und Opfer zugleich. In seinen zeitkritischen Lithographien ist Weber von bissigem Humor und karikaturistischer Schärfe, wenn er dem Menschen die Narrenmaske niederreißt Es sind meisterliche Graphiken, spitzfindige Bilder von donquichottesker Doppelbödigkeit, beißendem Spott und Intellekt.

Fast 50 Lithographien hat die Regiogalerie versammelt, und sie zeigen A. Paul Weber als unbestechlichen Kritiker, Satiriker und Humanisten. Die Narren, die er uns vorführt in expressivem, präzisem Strich, sind Kabinettstücke politischer Graphik von erschreckender Aktualität Till Eulenspiegel augenzwinkernd,' die Narrenkappe schräg auf dem Kopf; ein Narr mit Zipfelmütze, der sich selbst einen Nagel in den Kopf schlagen will; der Narr, der mit dem Tod einen „Danse macabre" tanzt; ein Narr, der im Sarg durch die nächtlichen Straßen getragen wird in einer makabren Prozession, angeführt von Meister Tod; der Narr, der „ohne Maske" vor den Vorhang der Lebensbühne tritt: wieder in Gestalt des Todes. Es fröstelt einen angesichts der schonungslosen Symbolkraft, mit der uns A. Paul Weber mitteilt: Hinter jedem Narren steckt der Sensenmann.

Weber, der kritische Geist und politische Moralist, hat auch Blätter von bitterem, zynischem Realismus geschaffen, Blätter, in denen der Weltkrieg und der Nationalsozialismus ihre dürsteren Schatten werfen. Webers Lithos lehren einen, „Die Tatsachen sehen", so der Titel einer der besten Arbeiten: der Narr als Krüppel mit Eulenspiegel-Kappe, schwarzer Augenklappe und Holzbein, der in einem Bauchladen Brillen anbietet Eine der aufrüttelnden Antikriegs-Metaphern ist auch „Der Trommler", eine Alptraumfigur ohne Kopf, mit Uniform, ordensgeschmückt, mit Holzbeinen und militärisch strammem Schritt: Die ganze politische und soziale Düsternis jener Zeit kommt uns hier entgegen.

A. Paul Weber entblößt die Dummheit der mit Blindheit geschlagenen Menschheit, und das ist zeitlos aktuell wie die „Glanznummer" des Seiltänzers, der mit seinen Raketen über der Menschenmasse balanciert. Weber arbeitet brillant mit Metaphern, um die Scheinheiligkeit und Doppelmoral von Kirche, Staat, Politik und Volk anzuprangern. Da sind die Narren, die glaubem, sie seien über den Berg und rollen doch den Abgrund hinab; genial das Blatt „Wie sagen wir's dem Volk?": der König und sein Hofnarr beim Spaziergang. Besser ist die Arroganz der Mächtigen und Großkopfeten kaum je dargestellt worden. Ein bösartig ironisches Panoptikum menschlich-tierischer Absonderlichkeiten hat A. Paul Weber „Im Homologischen Garten" ausgebreitet: Da hocken hinter Käfiggittern lauter monströse, fette feiste Menschen und werden draußen von Affen, Nilpferden und Füchsen begafft und fotografiert. Verkehrte Welt?! Närrische, traurige, tragische, perverse Welt.

Zunächst scheinen die großformatigen farbigen Ölgemälde des Zürcher Malers Ge Gessler in ihrer leuchtenden Buntheit und dem fast neokubistischen Kompositionsaufbau ein Kontrast zu Webers Schwarzweiß-Lithographien zu sein. Doch bald schon entdeckt man eine Geistesverwandtschaft zwischen den beiden Künstlern und ihren Narrendarstellungen. Auch Gessler hat einen trommelnden Narren in aggressiven Rottönen vor zerstörter, ausgeglühter Landschaft gemalt. Das Bild mit seiner durchaus kritischen hinterfragenden Botschaft zieht die Blicke im Schaufenster der Galerie auf sich und ist ebenso ausdrucksstark wie die „Pierrette", die sich kokett im Spiegel anschaut - und das Angesicht des Todes im Sarg erblickt Die Narren von Ge Gessler sind ebenso wie die A. Paul Webers von hintergründigem Ernst. Der „Harlekin an der Grenze" vor Stacheldraht, Mauer und mit symbolischer Friedensblume läßt nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig.

Eindrucksvoll gemalt sind auch andere Bilder des 1925 geborenen Künstlers zum Thema „Zirkus, Clown und Narren". Manche erinnern in ihrer farbigen.Leuchtkraft und den rhythmisch formal gegliederten Flächen an Sakral- kunst, an Glasfenster, an Ikonen und an die poetische Traumwelt Chagalls Etwa das „Narrenschiff oder die „Tan- zenden Narren" in den intensiven gelb- orangefarbenen Kostümen vor einer strahlend grünen Sonne. Die kräftiger komplementären Farbklänge und die wie mit dem Zirkel gemalten halbrun den Formen schaffen eine fast surreal- phantastische Szenerie.

Da sieht man den Harlekin und die Tänzerin bei der ,,Abschiedsvorstellung" in der Zirkusmanege, man sieht Akrobaten auf Rädern, den poetischen melancholischen Clown „Baptiste" im gebrochenen Scheinwerferlicht, die ganze schillernde Welt der Bühne um Magie, ein turbulentes „Fest der Gaucler" mit ausgelassenen Tänzern, Musikern in einer Sinfonie von Farben, mal sieht den traurigen Musikclown „Dimitri".

Eine wunderschöne Ausstellung, die einmal hinter die Maskerade blickt und den närrischen Trubel auf den Straßen und in den Sälen überdauern wird (bis 28. März). Roswitha Frey


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